„Die wahre Geschichte hinter den Flecken“

von Georg Modlmair

Das Bild links zeigt Georg Modlmair im Jahr 2009 als er mit Elisabet Sjöborg die Projekte in Afrika besuchte.

Dieses Bild entstand bei der großen Abschiedsparty. Eine Person forderte ihn auf „mitzutanzen“. Er ließ sich nicht zweimal bitten. Hier sieht man ihn neben Martha Kaphuka.

Lesen Sie in dem folgenden Auszug aus meinen Lebenserinnerungen und warum mich diese Kinder und ihre Flecken nicht loslassen!

"Müllers Bube"" oder "Wir sahen nur die bunten Flecken ..."

Ich habe meine Schultage und auch meine Lehrer geliebt. Von ihnen bekam ich was ich zu Hause nicht bekam, Anerkennung! An unsere Lehrerin, Fräulein Müller, erinnere ich mich bis heute sehr gerne. Sie war mit uns Kindern besonders liebevoll. Wir nannten sie „Mumms-Fräulein“, denn sie hatte etwas dicke Backen. In der zweiten Klasse lasen wir, wie es auch heute noch geschieht, die Geschichte vom Rübenziehen. Diese Geschichte interessierte mich nicht. Ich interessierte mich nicht für die Arbeiten, die auf einem Bauernhof anfielen. Wir Kinder mussten jeden Tag hart arbeiten. Ehrlich gesagt: Ich hasste die Landwirtschaft von ganzem Herzen. Dieser „saublöde“ Beruf meiner Eltern hätte es fast geschafft, mir meine schönen Kindertage durch tägliche Arbeit voll und ganz zu vermiesen.

Mich interessierte eine andere Geschichte, die ich durch Zufall in unserem Lesebuch gefunden hatte um so mehr. Ich entdeckte die Geschichte von „Müllers Buben“ in meinem Lesebuch und ich las sie wieder und wieder. Diese Geschichte brachte mein Innerstes zum Schwingen. Diese Geschichte packte mich und formte mein Denken, Fühlen und meinen Charakter wie kaum eine andere Geschichte danach. Es war die Geschichte eines Buben, der mit seiner alleinerziehenden Mutter in ärmlichsten Verhältnissen aufwachsen musste. Die Frau hatte so wenig Geld, dass sie ihrem Sohn nie etwas Neues kaufen konnte. Ihr Sohn musste in Lumpen zur Schule gehen. Wegen der materiellen Not war sie gezwungen, die Hose ihres Buben immer und immer wieder zu flicken. Ihr blutete das Herz, weil sie wusste, dass ihr Sohn von seinen Schulkameraden dafür verlacht und verspottet wurde. Als Erwachsenem gingen dem Schreiber dieser Geschichte die Augen auf und er sah ein und verstand, was sie Müllers Buben in der Schule angetan hatten: „Wir sahen nur die bunten Flecken auf seiner Hose, aber wir sahen nicht die wahre Geschichte hinter den Flecken, die Geschichte von einer treusorgenden, liebenden Mutter. Wir sahen nicht die Tränen, die sie für ihren Sohn und dessen Situation in der Schule vergoss. Wir sahen nicht die Geschichte einer Mutter, die aufopferungsvoll für ihren Sohn arbeitete und kämpfte, die jede Arbeit annahm, die es aber trotzdem nicht schaffte ihrem geliebten Kind diese Schmach zu ersparen.“

Ich fühlte mit diesem Kind. Ich identifizierte mich mit Müllers Buben, denn ich selbst war in einem doppelten Sinn Müllers Bube. Die bayerischen Bauern haben fast alle Hausnamen und unser Hausname war Müller. Ich war Müllers Bub, oder der Müller Schorsch, wie mich die Wächteringer heute noch nennen. Meine Kindheit war sehr wahrscheinlich eine typische Nachkriegs-Kindheit. Viele Kinder hatten gefallene Väter und wuchsen deshalb ohne Vater auf. Und viele Kinder hatten schwerkriegsbeschädigte Väter, die ohne Hilfen mit ihren Traumata fertig werden mussten. Dies war das Schicksal meines armamputierten Vaters, der im Anblick der Lebenschancen meiner Generation einmal sagte: „Wir wurden einfach zur falschen Zeit geboren.“ Die Wahrheit ist, dass ich glücklich bin, dass ich diesen schrecklichen Krieg nicht erleben musste.

Der Zipfelmützenkomplex

Als Kind war ich ein begeisterter Fußballer und auch Fußballanhänger des SV Bayerdilling, meines Heimatvereins. Fast alle Spieler, die für diesen Verein spielten verehrte ich. Ein Alfred Kammerer war für mich damals ein Fußballgott. Als ich fast 14 Jahre alt war, es war im Winter 1960/61, da spielte der SV Bayerdilling bei Minusgraden gegen eine andere Mannschaft. Ich stand allein hinter dem Tor der gegnerischen Mannschaft, denn ich wollte ja die Tore meiner Mannschaft ganz genau sehen und bejubeln. An diesem Tag stand ich also hinter dem Tor und vier meiner Klassenkameradinnen umwanderten Arm in Arm ein ums andere Mal den Sportplatz. Jedes Mal, wenn sie an mir vorbeikamen zogen sie mir meine alte Zipfelmütze vom Kopf und warfen sie auf den Boden. Dabei amüsierten sie sich köstlich über meine hässliche Mütze. Ich wäre am liebsten vor Scham im Erdboden versunken oder sofort nach Hause gegangen, aber ich war doch kein Weichei, da musste ich einfach durch. Man hatte mir beigebracht: Ein Bub, der ein Mann werden will, weint nicht. Ein Mann zeigt keine Gefühle. Ein Mann steht alle Widrigkeiten des Lebens durch. Ein Mann ist ein harter Hund, ein Hartei. Die Wunden, die mir meine Zipfelmütze schlug, habe ich heute noch nicht verdaut. Besonders schlimm war für mich, dass das Mädchen meiner Klasse, meine erste große platonische Liebe, sich an diesem grausamen Spiel besonders hervortat. Meine Schulfreundinnen sahen nur die bunten Flecken, sprich die alte Zipfelmütze, aber sie sahen nicht die wahre Geschichte hinter der Zipfelmütze, die Geschichte von Müllers Buben, dessen Vater das Geld für Bier ausgab, damit er diese Welt ertragen konnte. Müllers Schorsch sahen sie nicht.


Links: Wilson, der Junge ganz links sieht aus wie ein 10-jähriger, ist aber schon 15 Jahre alt. Er ist so klein, weil er unterernährt ist. Er hungert. Er ist Vollwaise und seit Jahren der beste Schüler in seiner Klasse. Ich sah bei ihm mehr als die bunten Flecken oder Fetzen.

Rechts: Bei meinem Besuch 2010 schenke ich Wilson ein Trikot von Ronaldinho. Er zog es verkehrt an, freute sich aber richtig!

Kann man soziales Engagement erlernen? Auf jeden Fall. Man muss nur lernen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Eltern müssen mit ihren Kindern reden und ihnen sagen, dass die Welt nicht nur schön ist und dass es nur Zufall ist, in welche Verhältnisse ein Mensch hineingeboren wird. Menschen sind sehr lernfähig. Das erste, was sie lernen sollten, ist zu teilen. Vorbilder sind wichtig.

Welches sind Ihre Vorbilder? Bei mir fing es mit Müllers Bub an. Später kamen Menschen dazu, die bereit waren sich für andere einzusetzen: mein geliebter Hauptmann Kempf, Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, Mutter Teresa. Diese Menschen setzten sich nicht nur für andere ein, sie sahen auch die Wahrheit hinter den bunten Flecken.

Sehen Sie in den beiden Bildern das freundliche Gesicht der Armut, den Wert dieser Menschen?