Eludah Mhango

Am 5. April schrieb ich in mein Tagebuch:
Nachmittags kommt ein Anruf von der Familie Mhango, dass Eludah`s fast fünfjähriger Hanock ohnmächtig geworden ist. Wir rasen mit unserem Auto auf die etwa 9 km entfernte Farm der Mhango`s in Bowe. Es gibt einige Leute, die daran glauben wollen, dass Hanock zusätzlich an Malaria erkrankt ist und deshalb nicht tot, sondern nur nicht ansprechbar ist.

Amos fährt auf der unglaublichen Buckelpiste viel zu schnell zum Krankenhaus nach Rumphi. Die Angehörigen gehen mit dem leblosen Körper ins Krankenhaus. Nach einer halben Stunde kommen sie zusammen mit der verzweifelten Mutter Eludah aus dem Krankenhaus. Es gibt keinen Zweifel mehr. Hanock ist verstorben. Der Junge ist an Asthma gestorben. Am nächsten Tag wollte Eludah zusammen mit Hanock die Klinik in Mzuzu aufsuchen. Wir planten eine Reise nach Mzimba zum District Commissioner und Eludah wollte diese Gelegenheit nutzen um nach Mzuzu zu gelangen. Wir befinden uns alle in Schockstarre. Aaron gibt mir ganz klare Anweisungen per Handy und sagt mir was ich zu tun hätte. Er schickt mich in eine Schreinerei um einen Sarg für Hanock zu kaufen. Nachdem wir nach einer Stunde mit dem Sarg zum Krankenhaus zurückkehren, dauert es nicht lange bis Hanock in den Sarg gelegt wird und der Sarg verschlossen wird. Dann geht die Fahrt mit zwei Autos und dem Sarg zurück nach Bowe auf die Mhango Farm. Die Trauer auf der Mhango Farm geht tiefer als jede Trauer, die ich in meinem Leben bisher erlebt habe. Die Frauen der ganzen Gegend wehklagen im Haus, in dem es keine Möbel gibt, während die Männer mit vielen Chiefs und dem Abgeordneten von Mzimba vor dem Haus mehr oder weniger wortlos um ein großes Feuer sitzen. Es wird wohl sehr lange dauern bis Eludah, der Mensch mit dem schönsten Lachen, sein Lachen wiederfinden wird. Das Schicksal hat ihr das Herz aus dem Leib gerissen. Eludah wollte sich umbringen, sie war außer Rand und Band nachdem sie ahnte, dass ihr Kind verstorben war.

links: Patrick, Mercy, Maria, Eludah und die Mutter dieser drei jungen Frauen mit rotem Kopftuch. Auf Eludah`s Schoß sitzt ihr Sohn Hanock. 20 Stunden später war dieser bildschöne Junge tot. Dieses Foto ist das letzte, das ihn lebend zeigt. Bis zum Ostermontag, den 5. April 2010, den Tag an dem sie ihren 2. Sohn verlor, war sie der Mensch mit dem schönsten Lachen, den ich je in meinem Leben getroffen habe. Danach habe ich ihr schönes Lachen nicht mehr gesehen. Links ihr Vater Oberchief Mhango

Mein liebster, menschenfreundlicher Vater George,

der mir am schlimmsten Tag in meinem Leben, dem 5. April 2010, so sehr zur Seite stand.

Vater George, ich wäre glücklich, wenn es Dir gut ginge. Mir geht es gut außer, dass ich unter Bluthochdruck leide gut.

Vater George, ich bin sehr dankbar für das was Du für mich und meine Familie getan hast. Du weißt Bescheid über den Schmerz, den ich durch den Verlust meines geliebten Sohnes Hanock am 5. April 2010 erleiden musste. Hanock war meine ganze Hoffnung für die Zukunft. Nach seiner Ausbildung hätte er für mich sorgen müssen. Aber unsere Pläne sind nicht Gottes Pläne. Ich habe mein Leben in Gottes Hände gelegt.

Vater George, Du hast Dich während dieser Zeit wunderbar verhalten. Ich denke, dass es Gottes Plan war, dass Du während dieser Leidenszeit anwesend warst. Es wäre für mich und meinen Vater und unsere ganze Familie Mhango schwer geworden solch einen Sarg für Hanock zu kaufen, in dem mein Sohn schlief.

Weiterhin wäre es für meine Familie nicht leicht geworden den Transport des Sargs von Bowe nach Livingstonia zu bewerkstelligen, wo mein Sohn seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Diese Schwierigkeiten wurden durch Deine ausgestreckten Hände und Dein grenzenlos freundliches Herz sehr vereinfacht .

Mein Vater Chimbendengu Mhango, der auch der Senior Village Headman (Oberchief) ist, und meine Mutter und all meine Familienmitglieder sowie die Menschen von Bowe und Kazuni danken Dir alle in meinem Namen. Die Menschen waren durch Hanock`s tragischen Tod und mein Schicksal alle geschockt. Sie beten alle für mich.

Vater George mit großer Dankbarkeit berichte ich Dir, dass mich Bruder Aaron sofort besuchte, nachdem er aus Uganda heimkam. Er berichtete mir alles was Du ihm aufgetragen hast.

Vater George, es tut mir leid, dass ich mit Dir nicht selbst kommunizieren kann. Ich erinnere mich an den Tag deines Abschieds und an deine Mut machende Rede und die guten Wünsche für mich und meine Zukunft. Von Bruder Aaron habe ich gehört, dass Du persönlich bereit bist, mir den Besuch des Gymnasiums ab September zu bezahlen. Dies ist eine wunderbare Chance für mich. Wir haben in Malawi ein Sprichwort das besagt "Eine Frau auszubilden bedeutet die ganze Nation auszubilden." Wenn Du mir nun die Chance zur Ausbildung gibst, bildest Du die Nation Malawi aus und alle Menschen meiner Familie. Diese Ausbildung wird mein Leben ebenso verändern wie die Ausbildung das Leben meines Bruders Aaron verändert hat. Aaron ist heute ein respektierter Mann und dies hat er Deinem Engagement zu verdanken.

Ich bin bereit Anfang September mit meiner Schule anzufangen, denn das ist der Monat, wenn ein neues Schuljahr beginnt. Ich habe die Kosten für Dich zusammengestellt.

Koffer 7000 MK
Schul.Gebühren 36 000 MK
Schul-Uniform 9 500 MK
Schulschuhe 4000 MK
Transport von Bowe nach Mzuzu 1000 MK

Lebenshaltungskosten, die eine Frau braucht, die ich aber Dir gegenüber als meinem Vater hier nicht nennen kann. Für das übrige Geld kaufte ich Toilettenartikel wie Seife und Zahnpasta. Insgesamt brauche ich 58 000 MK.

Vater George, die Schulgebühren pro Semester betragen für Selbstversorger MK 18 000 und für Vollverpflegung MK 36 000 ( 180 €) per Term. Das bedeutet, dass ich für ein ganzes Jahr MK 108 000 an Schulgebühren zu bezahlen habe. Ich möchte Dich auch um Geld für eine Schuluniform und Schulschuhe bitten. Dies bedeutet, dass ich 108 000 MK Schulgebühren pro Jahr zu bezahlen habe. Ich bitte Dich mir auch einen Koffer oder Tasche, eine Schuluniform und Schulschuhe zu kaufen.

Vater George, ich bitte Dich mir die Unterkunft im Internat zu ermöglichen, denn ich bin nicht in der Lage die Kosten für eine Unterkunft und für die Ernährung selbst aufzubringen. Da ich unter Bluthochdruck leide ist es besser, wenn mir im Fall eines Problems meine Schulkameradinnen helfen können.

Vater George, mir bleibt nur noch Dir meinen Dank auszudrücken und die Hochachtung aller Mitglieder meiner Familie, besonders die meines Vaters und meiner Mutter.

Möge Gott Dich und deine Frau Angelika segnen.

Deine Tochter
Eludah Chimbendengu Mhango